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„Kleinkinder im Alter von zwei bis drei Jahren kommen häufig mit der Frage „Warum?“.
Manchmal fragen sie auch „Warum bin ich hier?“. Wenn sie etwas mehr vom Leben sehen, fragen sie auch: „Warum lebe ich?“. Weil die meisten Leute nicht wissen, was sie darauf antworten sollen, speisen sie die Kinder mir dummen Antworten ab und bald geben die Kinder es auf, die Frage „Warum?“ zu stellen. Wahrscheinlich begreifen sie die Tiefe und Schwierigkeit der Warum-Frage nicht; aber die Tatsache, dass sie die Frage stellen, weist darauf hin, dass irgendwo tief in unserem Innern diese Frage liegt, sogar bevor wir denken können, bevor uns jemand etwas über uns selbst und diese Welt gelehrt hat. Keiner kann uns eine überzeugende Antwort darauf geben und somit wird die Frage „Warum?“ allmählich überdeckt und nur wenige nehmen sie wieder auf und gehen ihr weiter nach.

Der Mann, von dem ich heute Abend sprechen will, Georg Gurdjieff, gab die Suche nach der Antwort auf diese Frage niemals auf. Dies verleiht ihm eine besondere Bedeutsamkeit für unsere gegenwärtige Zeit. Mehr denn je werden wir auf diese Frage zurückgeworfen. Mit Gurdjieff gibt es keine Ruhe. Mit der Zeit nahm die einfache Frage „Warum lebe ich?“ die Form von „Warum gibt es Leben auf der Erde?“ an. „Was hat es mit diesem Leben auf der Erde auf sich?“ und besonders „Was ist unser menschliches Leben, was für eine Bedeutung hat es, wozu existieren wir?“. Nun, die Frage nach dem Zweck des Lebens ist viel ungewöhnlicher, als sie auf den ersten Blick annehmen würden. Denn im allgemeinen wurden wir von dieser Frage entweder dadurch abgebracht, dass man uns lehrte, Gott habe uns und die Welt erschaffen und es sei Gottes Angelegenheit. Oder es wurde uns gesagt, es gäbe keinen Sinn und Zweck des Lebens, es sei denn, wir Menschen selbst legen einen Sinn hinein. Man erwartet von uns, zu glauben, dass ein Zweck des Lebens, falls dieser existiert, vom Menschen bestimmt sei. Wäre dem so, so lautet die Antwort auf die Frage: „Um unsere eigenen Ziele zu verfolgen und zu befriedigen, wenn wir den Wunsch dazu haben.“

Diese zweite Antwort wurde in den letzten Jahrhunderten bevorzugt und wird es auch heute noch. Die meisten Gelehrten sind der Ansicht, dass jede Frage nach Sinn und Ziel des Lebens als eine vom Menschen bestimmte Frage erachtet werden muss, die einer vom Menschen bestimmten Antwort bedarf. Wenn das stimmte, so können wir darauf tatsächlich nach Belieben antworten. Geben wir uns aber nicht damit zufrieden und fühlen, dass an diesem Glauben, der Zweck des Lebens auf der Erde sei etwas vom Menschen selbst Herbeigeführtes, etwas nicht stimmen kann, dann nähern wir uns einem neuen Weg, Welt und Leben zu betrachten. Und dieser neue Weg ist in Gurdjieffs Beitrag hervorstechend.

Hat das menschliche Leben einen Sinn und Zweck, den wir verstehen können, d.h. haben wir eine Aufgabe zu erfüllen, und wenn das für alles Leben gilt, dann muss dieser Zweck etwas mit dieser Erde zu tun haben, vielleicht sogar mit diesem Sonnensystem. Auf unserer Suche nach einer Antwort werden wir dann über diese Welt nicht hinausgehen, sondern wir werden sie auf eine andere Art betrachten. Anstatt das Leben auf dieser Erde blindem Zufall oder göttlicher Fügung zuzuschreiben, werden wir sie so sehen, dass sie für Zwecke geschaffen wurde, die der Größe und Bedeutung dieses Sonnensystems innerhalb des gesamten Universums entsprechen. [...]“

Auszug aus: J.G. Bennett: Gurdjieff Heute. (basierend auf einem Vortrag von J.G. Bennett aus dem Jahr 1973). Verlag Bruno Martin, Frankfurt 1977, S. 6-7.