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Zwei Ströme
Es ist unvermeidbar, und doch kümmerlich, allein das Kind seiner Zeit zu sein. Unvermeidbar, da der Mensch mit seinem vergänglichen irdischen Körper im Strom der Gegenwart schwimmen muss und zugleich kümmerlich, da er oft nicht die Kraft aufbringen kann oder will, sich einem anders gearteten Strom hinzugeben. Mit dieser anderen Macht ist die Möglichkeit verbunden, das Erdenwesen über sein Gegenwärtiges hinausgeleiten und in das Kräftefeld zu stellen, das ihn erschaffen hat - ein Kräftefeld, an dem er jedoch nicht passiv teilhaben kann, sondern das nur in Aktivität erfahren und so von ihm mitgestaltet wird.
Insbesondere für den Künstler ergibt sich die Frage, ob und wie es ihm gelingt, mehr zu sein als nur der Symptomträger einer beschädigten, nach-industriellen Gesellschaft. Der mit der künstlerischen Moderne einhergegangene Ruf nach Emanzipation, nach einer Herauslösung aus den engen, sekulären Mechanismen des Bürgertums seit dem frühen 19. Jahrhundert bleibt nachvollziehbar und berechtigt. Dennoch haben das Herausstellen von Expression und psychischer Unruhe sowie die Isolierung formaler, d.h. kunstimmanenter Bestandteile aus dem, was das Kunstwerk als eine bis dahin notwendig erscheinende Illusion war, zu keiner wirklichen Befreiung des Individuums geführt.
In dem Masse, wie die moderne westliche Zivilisation die avantgardistischen Kunstströmungen achselzuckend hin nahm, schwächte sich auch die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch offensichtliche Verbundenheit zwischen Moderne und Spiritualität (wie sie etwa bei Wassilij Kandinsky, Kasimir Malewitsch und Mark Rothko noch anzutreffen war). Diese Ablösung hat zu einer immer weiter um sich greifenden ‚Entleerung’ des Bildes geführt und sich ab Ende der 70er Jahre zu einem vielfach als Realismus missverstandenen, nihilistisch anmutenden Walten verdichtet, in der die gegenwärtige Kultur mit Selbstverständlichkeit lebt.
Die künstlerischen Kräfte, die versuchen, dieser Entwicklung etwas entgegen zu halten, bringen folgende Gesichtspunkte erneut ins Blickfeld: notwendig erscheint eine Kunstpraxis, die sich weniger analytisch mit ihren eigenen Mitteln und Bedingtheiten befasst, die das Bild nicht nur als das, was es materiell und formal ist, begreift, sondern als Gestaltungsfeld und Manifestation für Erscheinungen. Diese Erscheinungen und Inhalte stehen zwar auch im Kontakt mit den Strömungen der Jetztzeit, wenden sich anstatt nach außen aber genauso stark nach innen und beziehen sich auf die Konstitution, die das schöpferische Subjekt und damit den Menschen ausmachen. Die Einfügung und Einfühlung in die Kräfte, die eine erfüllte Existenz ermöglichen, äußert sich in einem Streben nach Sammlung und Konzentration, nach Dasein im Angesicht von etwas, dass größer und bedeutsamer ist als er selbst. Der Blick dieses Menschen ist ruhig und gefasst und aus seinen Gesten spricht ein manchmal verwundertes Einverständnis, sofern es ihm durch eigene Anstrengungen gelungen ist, einen Hauch wirklicher Anwesenheit in sich zu erwecken.
Die Abkehr, weniger von der Moderne als von den durch sie durch-deklinierten Verfahrensweisen eines radikalen und virtuosen Selbstbezuges, der seine Lebendigkeit eingebüßt hat und nun auf erneute Beseelung angewiesen ist, steht in direktem Zusammenhang mit einem Interesse an dem, was zuvor da war, beginnend mit der das Kunstwerk nicht analytisch, sondern in religiöser und spiritueller Aufladung erweiternden Romantik, bis in noch fernere Vergangenheiten hinein, die von den verschiedensten Traditionen der Inhaltlichkeit geprägt sind.
Dieser neue Weg vollzieht sich in einem manchmal naiv anmutenden, manchmal beinahe groteske Züge annehmendem Kampf und in großer Spannung zu einer Gegenwart, die mechanisch ihrem aufgeklärten Weg folgt. Doch womöglich ist diese Spannung gerade hilfreich und sogar notwendig, da sie erst den Druck erzeugt, der einem verschütteten Vermögen auf die Sprünge hilft - ein Vermögen, das die mit der menschlichen Existenz verbundene Aufgabe betrifft. Diese Aufgabe ist und bleibt es zunächst, auf die Verbindung mit dem, was heilig ist, mittels eines bewussten Daseins hin zu streben. Kunst dient heute, wie seit jeher, als Brücke und Hilfsmittel für diesen schwierigen, echten Kontakt zwischen dem Menschen und dem, was man übermenschlich, was man göttlich nennt. Kunst stimmt ein auf dieses Göttliche, sie weist den Weg.
Ob der erwartete Kontakt geschieht, ob der Blick erwidert wird, mit dem der Mensch sich an das Göttliche richtet, ist dabei weniger eine durch Sakramente bestimmte Gegebenheit, sondern muss zunächst fester Wunsch und Sehnsucht sein. Die Erfüllung dieser Sehnsucht hängt ebenso nicht in erster Linie von der Gnade Gottes ab, sondern vor allem davon, inwieweit dem Menschen es gelingt, seine auf das Göttliche hin ausgerichtete Existenzform zu aktivieren und auszubilden. Dazu braucht es allerdings nicht nur den Willen des Verstandes, sondern zugleich die Energie des Gefühls und die Aktivität des Körpers. Erst wenn alle menschlichen Vermögen in einem Streben gebündelt sind und sich gegenseitig unterstützen, anstatt sich zu bekämpfen und aneinander vorbei zu agieren, entsteht - beinahe gesetzmäßig - diese Kontaktaufnahme, dann gerät der Mensch in eine andere Einflusssphäre, in den Strom, der ganz anderes geartet ist als der tagtägliche Fluss bzw. der Strom des Zeitalters, der den Menschen nur allzu leicht mit sich fortreißt.
Thomas Grötz, leicht überarbeiteter Text aus: Jürgen Kramer: Homo Caelestis. Der himmlische und der irdische Mensch. Gelsenkirchen 2005, S. 2-6.
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