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Die fromme Kunst der Zukunft
Jürgen Kramer, Johannes Stüttgen und Thomas Grötz im Gespräch über Kunst und Glaube
T.G.: Die Ausstellung Kunst und Glaube behauptet einen Zusammenhang zwischen künstlerischer Tätigkeit auf der einen und Religiosität bzw. Glaube auf der anderen Seite. Wie ist dieser Zusammenhang bestellt?
J.K.: Ich denke, Kunst und Glaube ist ein guter Aufhänger, an dem man etwas über den geistigen Rahmen von Kunst verdeutlichen kann. Das haben dann auch viele Künstler wahrgenommen, in unterschiedlichen Positionen und mit unterschiedlichen Zielen. Was das Ganze interessant macht, ist, dass sich zeigt, dass ein bestimmter Kunstbegriff und eine bestimmte Kunst im Rahmen dieser Ausstellung, obwohl der Gesamteindruck sehr positiv wirkt, dass manche Arbeiten sehr an Kraft nachgelassen haben und kaum noch überzeugen. Ich mache das persönlich an meiner Kritik an der Moderne fest, indem ich konstatiere, das die moderne Kunst erschöpft ist. Joseph Beuys habe ich in diesem Zusammenhang immer als den Eck- oder Endpunkt der Moderne im vergangenen Jahrhundert empfunden. Ich denke, wie er, das wir uns in einer Schwellensituation befinden. In dieser Situation kann zum Beispiel ein winziges Ereignis wie eine Ausstellung zum Thema Kunst und Glaube etwas keimhaft in Bewegung setzen, was diese Schwellensituation bewusst macht.
T.G.: Wodurch ist diese Schwellensituation charakterisiert?
J.K.: Die Schwelle ist ein Übergang von einem Raum in einen anderen, bildhaft gesprochen. Der Raum, der uns bis dato umgeben hat, ist ein neuzeitlich geprägter, abendländisch fixierter Bereich, der mit Begriffen wie Vernunft, Verstand und Ratio angefüllt ist - im Unterschied zu dem Raum, der der Neuzeit vorgelagert ist, nämlich der mittelalterliche, der ganz andere Elemente enthielt. Wenn wir also die Neuzeit als den Raum von Vernunft und Ratio begreifen und gleichzeitig sagen, da ist eine Schwelle, da sind wir an einem Ende in diesem Raum angekommen, wo sich ein Übergang ergibt in einen anderen Raum, dann ist das ein Schritt in eine Zukunft. Diese Zukunft lässt sich erst einmal nicht im Sinne alter Utopievorstellungen entwickeln, sondern diese Schwellensituation erfordert eine Eigenbewegung, eine Aktion, eine Haltung, mit der man den weiteren Schritt vollziehen kann. Ich denke, die heutige Kunst hat die Aufgabe, diese Haltung zu formulieren oder zu veranschaulichen. An diesem Punkt würde ich von einer neuen Kunst sprechen, die wir im Auge haben müssen.
T.G.: Der Begriff der Schwelle taucht meines Wissens auch bei Joseph Beuys auf. Ist er dort ähnlich gemeint, oder müsste man ihn anders formulieren?
J.St.: Ich glaube schon, das er dort auch so gemeint ist. Jürgen hat von verschiedenen Räumen gesprochen, die man auch als Seelenräume oder Bewußtseinsräume bezeichnen kann und er hat die Neuzeit als das Zeitalter der Ratio und des Verstandes beschrieben. Meine These ist, die Neuzeit ist die Zeit des Glaubens. Der Glaube führt nicht über die Neuzeit hinaus, sondern ist die Vertiefung der Neuzeit, wobei ich mit Glaube nicht den mittelalterlichen Zustand meine, sondern den Zustand, der überhaupt erst durch die neuzeitliche Entwicklung des mentalen, rationalen und naturwissenschaftlichen Wissenschaftsbegriffs entsteht, wie er zum Beispiel auch bei Immanuel Kant auftritt. Glaube deckt sozusagen den rational nicht erschließbaren Bereich ab. So entsteht ein Gegenüber von Glaube und Verstand - sehr populär in dieser Gegenüberstellung von Glaube und Wissen. Deswegen ist für mich der Begriff Glaube durchaus ganz neuzeitlich besetzt. Wenn ich jetzt diese Schwellensituation beschreiben sollte, dann müsste ich sagen, wir müssen eigentlich gerade den Glauben überwinden.
T.G.: Du meinst damit vor allem diese schematische Vorstellung vom Glauben?
J.St.: Ja, diese Gegenüberstellung, diese Dualität von Glaube und Wissen. Jürgens Einschätzung stimme ich jedoch zu, wenn er meint, der neue Bewusstseinsraum sei ein Raum, den die Kunst eröffnen könne. Allerdings glaube ich, das hier ein ganz anderer Begriff von Kunst vorbereitet sein müsste. Weil Kunst ohne diesen Begriff weiterhin die Kunst der Moderne und der Postmoderne bleibt und ohne diesen neuen Begriff meines Erachtens auch am Ende ist und die erwähnte Schwelle nicht überwinden wird.
T.G.: Wie lässt sich dieser neue Begriff von Kunst näher charakterisieren?
J.St.: Für mich ist die Frage nach einem neuen Begriff der Kunst zunächst überhaupt die Frage nach dem Begriff der Kunst. Wenn mich jemand nach dem neuen Begriff fragt, will ich erst einmal wissen, was ist überhaupt Kunst? Und da stelle ich fest, das der Begriff der Kunst in der Neuzeit eigentlich nicht geklärt ist. Er deckt dort die Bereiche ab, die in der Wissenschaft nichts verloren haben und die auch in der Religion nichts verloren haben. Er wird so immer mehr zu dem, was bei Niklas Luhmann dann das ´Zeitsystem Kunst´ ist, ein spezieller Bereich unter dem Begriff der Kunst, ohne das dieser wirklich klar ist. Ich meine, das zu der Bedingung einer neuen Stufe auch die neue Erscheinung dieses Begriffes gehört.
T.G.: Was muss dann geschehen, damit dieser neue Begriff in Erscheinung tritt?
J.St.: Da muss eigentlich genau das passieren, was Jürgen vorhin erzählt hat. Man muss einen Sensus oder ein Wahrnehmungsorgan entwickeln für das Neue und das Zukünftige. Der Begriff der Zukunft spielt dabei eine sehr große Rolle. Die These ist, das der Mensch über etwas verfügt, oder lernen muss, darüber immer mehr zu verfügen. Damit meine ich ein Zukunfts-Organ, und zwar deswegen, weil die Zukunft im Menschen bereits anwesend ist. Das nimmt er aber in Regel nicht wirklich zur Kenntnis, sondern verschläft oder verträumt es. Dieses Organ muss sozusagen wach werden - ein Wahrnehmungsorgan für das Zukünftige, das bereits jetzt schon wirksam ist, das aber vom Neuzeitlich-Modernen noch übertönt wird. Meine These ist, das die Fähigkeit zum Zukünftigen nicht mehr über den Glauben laufen wird, sondern nur noch über die Kunst, allerdings über einen wirklichen Begriff der Kunst, also nicht mehr bloß über das, was sich in der Moderne als Kunst gezeigt hat und in der Postmoderne ausläuft. Das ist für mich nicht mehr sonderlich interessant. Und was den Begriff der Kunst anbelangt, da ist es sehr wichtig, darauf zu achten, das dieser kein Begriff der alten Begrifflichkeit mehr sein kann, also keine Kopfgeburt. Wir brauchen einen ganz neuen Begriff von Begriff. Dabei hat man es fast mit einem Mysterium zu tun, nämlich damit, das dieser neue Begriff nur von der Kunst hervorgebracht werden kann. Aber durch die Hervorbringung dieses neuen Begriffs haben wir überhaupt einen Kunstbegriff und im Schein dieses Kunstbegriffes sprechen wir dann nicht mehr von der Kunst, die wir die Kunst der Moderne nennen.
T.G.: Dieser Begriff, der durch die Kunst selbst erscheinen soll, kann demnach nicht etwas rein Mentales sein, was man in der Regel mit diesem Wort verbindet. Der Begriff ist dann mehr eine Erscheinung und hat eine gewisse Wesenhaftigkeit, oder?
J.St.: Genau darauf kommt es an, und ich füge hinzu: Von dieser Natur werden alle Begriffe in Zukunft sein müssen. Das heißt, dieser neue Begriff der Kunst wird alle alten Begriffe ablösen, nicht nur den alten Begriff der Kunst, den es eigentlich gar nicht gibt, sondern überhaupt die alten Begrifflichkeiten. Die neuen Begriffe sind nicht mehr nur mentale Inhalte, oder Formen, sondern eine zukünftige Bestimmung, in die wir uns hineinarbeiten können - mit dem Denken und Fühlen und dem Tiefsten der Seele, mit dem Willen zum Beispiel, oder mit dem, was Jürgen in einem kürzlichen Schreiben mit Frömmigkeit bezeichnet hat. Frömmigkeit des Denkens und Frömmigkeit gegenüber dem Begriff, das ist ja schon sehr viel mehr als das Mentale.
Die fromme Kunst der Zukunft (Ausschnitt), aus: Kunst und Glaube, Ausstellungskatalog, hrsg. von Thomas Grötz und Jürgen Kramer, Gelsenkirchen 2005.
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